· 

Kortison - das rote Tuch unter den Medikamenten

Kortison ist aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Trotzdem weckt kaum ein Name aus der Medikamentenwelt so viel Skepsis. Die Geschichte eines Wirkstoffs, der vor lauter Begeisterung mit etwas zu viel Überschwang eingesetzt wurde.

Medizin aus Tieren und Menschen

Kortison ist ein Hormon, das vom menschlichen Körper in den Nebennieren in Mengen von 5-30mg täglich gebildet wird. Bei Stress kann die Produktion deutlich erhöht werden. Es erhöht den Blutzucker, macht uns wacher und aktiver und verstärkt den Aufbau von Fettgewebe. Da Hunger die wohl  wichtigste Stresssituation ist, die sich quer durch die Menschheitsgeschichte zieht, erleichtert uns Kortison das Überleben in solchen Zeiten. Entdeckt wurde dieser Stoff bereits 1935.

 

Unbewusst setzten Menschen Kortison schon sehr früh ein. Denn das Murmeltierfett (lateinisch Adeps marmottae), das in der Volksmedizin gegen Rheuma und Ekzeme eingesetzt wurde, enthält knapp 0.01% Kortison (Die Konzentration im Kortisonsalben liegt bei 0.1-2%).

Wundersamer Entzündungshemmer

1948 verabreichte Philipp Hench erstmals Kortison einer Patientin, die an schwerem Rheuma litt. Am nächsten Tag war sie schmerzfrei. Tests mit weiteren Patienten offenbarten eine geradezu wundersame Wirkung bei Rheuma. 1951 gelang es, Kortison vollständig im Labor herzustellen. Die Entdecker and ersten Anwender des Kortisons wurden 1953 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet, darunter war auch der Basler Pharmazie-Forscher Tadeus Reichstein.

 

Die Erfolge, die mit Kortison erzielt wurden, waren absolut spektakulär. Patienten, die sich vor Schmerz kaum mehr bewegen konnten, erfuhren eine schlagartige Besserung. Nach Arthritis wurde Kortison auch gegen Allergien, Asthma, Hautausschlägen, Hirnödeme und weitere Erkrankungen eingesetzt. Es eröffnete der Medizin ungekannte Möglichkeiten. Die Wirkung kommt dadurch zustande, dass Kortison Entzündungen, welche diese Arzt von Schmerzen auslösen, sehr wirkungsvoll hemmt.

 

Die pharmazeutische Industrie produzierte neben dem ursprünglichen Kortison auch zahlreiche chemische Abkömmlinge, die eine noch potentere Wirkung entfalten . Das ist auch der Grund, warum Kortisonpräparate in die Stärkeklassen I-IV eingeteilt werden. Die Gruppe dieser Wirkstoffe bezeichnet man als Glucocorticoide. Sie sind heute in der Form von Tabletten, Salben, Spritzen, Inhalationsmitteln und Zäpfchen verfügbar.

Die Schattenseiten

Die Euphorie für das neue Medikament liess Mediziner teils auch unvorsichtig werden. So führten die teils hohen Dosen, die auch über längere Zeit angewendet wurden, zu einer Vielzahl von Nebenwirkungen. Sichtbar wird dies etwa beim sogenannten Cushing-Syndrom (Hypercortisolismus). Dieses war zwar schon früher bekannt, weil der Körper auch bei anderen Krankheiten zu viel Kortison produziert, mit dem Einsatz des Kortisons als Medikament nahmen die Fälle jedoch zu. Der Abbau der Muskeln lässt Arme und Beine dürr werden, während die Fetteinlagerung verstärkt wird, was zu mehr Bauchfett, dem "Büffelnacken" und dem "Mondgesicht" führt. Ebenso sichtbar werden Dehnungsstreifen der Haut.

 

Einige weitere Nebenwirkungen sind erhöhter Blutzucker, Blutdruck, Depression, Osteoporose und schlechtere Wundheilung. Ausserem schwächt Kortison langfristig das Immunsystem, was die Anfälligkeit für Infektionen erhöht.

Merkmale des Cushing-Syndroms (www.eesom.com
Merkmale des Cushing-Syndroms (www.eesom.com

Ein weiteres Problem ist, dass Kortison bei chronischen Entzündungen nur so lange wirkt, wie es eingenommen wird. Es kann zwar das Symptom der Entzündung lindern, aber nicht die Ursache.

 

Die wachsende Skepsis gegen Kortison ist jedoch nicht nur darauf zurückzuführen, dass die Nebenwirkungen offensichtlicher wurden. Fälle wie die Geburtsschäden durch das Medikament Contergan in den 1960-er Jahren weckten ein grundsätzliches Misstrauen. Dass die Medizin, die leidenden Menschen helfen sollte, bei falscher Anwendung auch ihrerseits zu Schäden führt, zeigte sich hier in traumatisierender Art und Weise. Das Credo "Zurück zur Natur", das mit der Jugendbewegung 1968 aufkam, führte bei einigen Menschen zu einer dauerhaften Abkehr und Skepsis gegenüber der Schulmedizin.

Kortison-Therapie heute

Im Wissen um Wirkungen und Nebenwirkungen können Therapien mit Kortison heute sehr verträglich gestaltet werden. Für lokale Behandlungen entwickelte die Industrie zum Beispiel Wirkstoffe, die sofort abgebaut werden, wenn sie ins Blut aufgenommen werden. In der Therapie werden kurze Anwendungsdauern oder -pausen eingesetzt. Dadurch kann möglichst viel Wirkung mit wenig Nebenwirkungen erreicht werden.

 

Wenn die Therapie mit Kortison zur Debatte steht, sollen Patienten ihre Bedenken offen äussern. Teilweise gibt es alternative Möglichkeiten, die aber auch Nebenwirkungen mit sich bringen können. In gewissen Fällen muss auch klar gesagt werden, dass Kortision mit seiner Wirkung alterntivlos ist.

 

Grundsätzlich ist zu sagen, dass es mit den Kurztherapien und den niedrigen Dosen von heute kaum mehr zu den oben beschriebenen Horror-Wirkungen kommt. Die weniger offensichtlichen Nebenwirkungen können durch gezielte Beobachtung und geeignete Massnahmen kontrolliert werden. Je besser wissenschaftliche Richtlinien eingehalten werden, desto geringer fallen die Nebenwirkungen im Verhältnis zur Wirkung aus.

 

 

Autor:

Florian Sarkar  eidg. dipl. Apotheker

 

Quellen:

 Cortison. Geschichte eines Hormons, 1900–1955. Chronos, Zürich 2012

 

Biedasek K: Regulationen und Funktionen des Enzyms 11beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase Typ 1 im Skelettmuskelmetabolismus. Dissertation, Humboldt-Universität Berlin, 2013

 

Wagner H., Nusser D: Murmeltier- und Dachsfett, das antiphlogistisch wirkende Prinzip. Deutsche Apothekerzeitung 1988, 128. Jahrgang, Nr. 38, S. 1921-1923.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0